Bioethanol in Europa: Nur mit Zertifizierung

ISCC und REDcert regeln Nachhaltigkeit von Biomasse

Wird der Anbau von nachwachsenden Rohstoffen nicht kontrolliert, kann das ernste Folgen für Mensch und Umwelt haben – von gestiegenen Lebensmittelpreisen bis zum Aussterben ganzer Tierarten. Damit das nicht geschieht, sorgen zwei deutsche Zertifizierungssysteme für nachhaltige Wertschöpfungsketten.

Die Produktion von Bioethanol ist in Deutschland und Europa durch und durch nachhaltigen Ursprungs. Zum einen werden nur wenige Landflächen genutzt, zum anderen kommen Waldrodung und Landnutzungsänderung in diesem Zusammenhang gar nicht erst in Frage. Demnach entstammen alle Pflanzen aus Europa, die für die Herstellung von Bioethanol verwendet werden, aus nachhaltiger europäischer Landwirtschaft. Das bedeutet allerdings, dass strenge Regeln eingehalten werden müssen und eine unabhängige Instanz die Stoffe auf Nachhaltigkeitskriterien überprüft. In Deutschland und der Europäischen Union gelten hier vor allem die Zertifizierungssysteme REDcert und International Sustainability and Carbon Certification (ISCC).

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Zwei Zertifizierungssysteme aus Deutschland

Für REDcert haben führende Verbände und Organisationen der deutschen Agrar- und Biokraftwirtschaft eine gemeinsame GmbH gegründet. Damit übernehmen sie gemeinsam die Verantwortung für die aktive Förderung einer nachgewiesenen Nachhaltigkeit von Biomasse, Biokraftstoffen und Biobrennstoffen. Bereits im Juli 2010 wurde das Zertifizierungssystem durch die Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung (BLE) endgültig anerkannt. Seit 2015 wurde REDcert zunächst auf nachhaltige Agrarrohstoffe und deren Verarbeitung ausgeweitet, 2018 folgte die stoffliche Biomassenutzung (z.B. biologisch abbaubares Einweggeschirr). 

Auch das International Sustainability and Carbon Certificate (ISCC) hat seinen Ursprung in Deutschland: 2006 ging ISCC aus einem Beratungsprojekt von Meo Carbon Solutions aus Köln für die Fachagentur Nachwachsende Rohstoffe (FNR) und das Bundesministerium für Ernährung und Lebensmittel (BMEL) hervor. Es ist das erste staatlich anerkannte Zertifizierungssystem für Nachhaltigkeit und Treibhausgaseinsparung, das weltweit für alle Arten von Biomasse und daraus erzeugten Produkten verwendet werden kann. Ähnlich wie das Bio-Gütesiegel bei Lebensmitteln wollten die Gründer ein einheitliches Zertifizierungssystem für Biomasse etablieren und damit übermäßig bürokratische Hürden vermeiden. Anders als bei Bio-Lebensmitteln darf die nachhaltige Biomasse jedoch entlang der Lieferkette mit ungeprüfter Biomasse vermengt werden. Dabei muss jedoch stets das Mischungsverhältnis angegeben werden. Entlang der Handelskette prüfen unabhängige Dritte dann die Anteile und protokollieren sie. Das nennt man Massenbilanzierung. ISCC soll flexibel genug sein, dass es langfristig auch auf konventionelle Märkte angewendet werden und zum Beispiel kritische Rohstoffe wie Palmfett zertifizieren kann.

Systeme tragen zu UN-Nachhaltigkeitszielen bei

Heutzutage heißt es beim „Falschtanken“ mit Biosprit zunächst einmal: Ruhe bewahren. Denn die Wahrscheinlichkeit, dass das Beide Zertifizierungssysteme sind auf allen beteiligten Stufen – vom Anbau bis zum Endprodukt – anwendbar. Damit wirken sie drängenden globalen Problemen entgegen: Sie tragen bei zum Schutz der Biodiversität, zum Schutz wertvoller Flächen, zur Sicherstellung einer positiven Treibhausgasbilanz und zum Schutz vor Vertreibung von Menschen, Zwangs- und Kinderarbeit. Laut einem Report des International Trade Center aus dem Jahr 2020 haben die Zertifizierungen des ISCC nachweislich einen bemerkenswerten positiven Einfluss auf elf der 17 UN-Nachhaltigkeitsziele.

Freiwillige Zertifizierungssysteme wie ISCC und REDcert kreieren einen Standard auf dem Markt, mit dem Ziel, ökologische und soziale Nachhaltigkeitskriterien für alle Arten von landwirtschaftlichen Rohstoffen zu etablieren.

Während REDcert jedoch vorwiegend in Deutschland und der EU zum Zuge kommt, wird ISCC stark global angewendet. In Datenbanken sind die zertifizierten Anbauflächen und Betriebe öffentlich einsehbar. Um Mehrfachzertifizierungen zu vermeiden, erkennt zum Beispiel ISCC bereits durchgeführte Prüfungen und ihren Gültigkeitszeitraum. Grundsätzlich sind Zertifikate zwölf Monate lang gültig und Audits müssen jährlich neu beantragt werden. Für Landwirte und Produzenten werden zudem Schulungen und Beratungen angeboten, in denen über geltende Richtlinien für den europäischen Markt und nachhaltige Landwirtschaft aufgeklärt wird.

Warum ein freiwilliges Zertifizierungssystem sinnvoll ist

Doch welche Vorteile ergeben sich für Unternehmen, wenn sie zertifiziert sind? Ölkonzerne etwa müssen eine bestimmte Quote an verwendeten Biokraftstoffen erreichen, um Steuererleichterungen zu erhalten. Dabei dürfen sie sich nur zertifizierte Kraftstoffe aus zertifizierten Rohstoffen anrechnen lassen. Der Anreiz ist sogar seit Einführung der RED II gestiegen: Mittlerweile ist auch die Verwendung von Abfall- und Reststoffen im Kraftstoffsektor möglich und durch eine Änderung in der Bundesimmissionsschutzverordnung (BImSchv) können sich Unternehmen Kraftstoffe aus Reststoffen sogar doppelt auf die Quote anrechnen lassen. Sowohl REDcert als auch ISCC decken hierfür die Zertifizierung ab. Geprüfte Betriebe können so ihre Wettbewerbsfähigkeit erhöhen, die Nachfrage nach zertifizierter Ware steigt dadurch weiter an.

Deutsches Bioethanol erfüllt nicht nur die Nachhaltigkeitskriterien der EU, sondern entspricht auch dem Umweltrecht und der landwirtschaftlichen Verordnung.

Deutsches Bioethanol muss also nicht nur die EU-Nachhaltigkeitskriterien erfüllen, sondern auch dem EU-Umweltrecht und den landwirtschaftlichen Anforderungen der EU entsprechen. Mit gleich zwei strengen Zertifizierungssystemen war Deutschland bereits 2010 Vorreiter bei der Erneuerbare-Energien-Richtlinie. Die Systeme schaffen eine nachhaltige Grundlage und zugleich beseitigen sie Bedenken bei den Konsumenten. Produzenten stellt es allerdings vor besondere Hürden – denn eine durch und durch nachhaltige Lieferkette vorzuweisen, ist ein kostspieliges und intensives Unterfangen. Ist ein Glied in der Kette, zum Beispiel ein Lieferant, nicht nachhaltig, darf auch das Produkt nicht als nachhaltig auf dem Markt angeboten werden.

Für Betreiber lohnt sich eine Zertifizierung jedoch aus mehreren Gründen: 2016 bestätigte der Europäische Rechnungshof, dass Mitgliedsstaaten keinen weiteren Nachhaltigkeitsnachweis verlangen oder anordnen darf, wenn ein Betrieb bereits durch REDcert oder ISCC zertifiziert ist. Erst im Juli 2021 hat die EU-Kommission einige freiwillige Systeme genannt, die die vorläufige Bewertung für die formale Anerkennung im Rahmen der RED II-Richtlinien erfolgreich bestanden haben – darunter ISCC und REDcert. Fortan können also beide Systeme für den Handel von zertifiziertem Material unter Einhaltung der Kriterien für RED II angewendet werden.

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